DIVER – Satellitentelemetrie an Seetauchern

Sterntaucher (Gaviata stallata); Photo: Jürgen Steudtner

Sterntaucher (Gavia stellata); Photo: Jürgen Steudtner

Seetaucher sind fischfressende Wasservögel, die während der Brutzeit an Gewässern der Taiga und Tundra der Holarktis vorkommen. Ihre Lebensweise ist wassergebunden und sie sind ausgezeichnete Taucher, mit einer durchschnittlichen Tauchtiefe von zehn Meter und mehr, wohingegen sich Seetaucher an Land nur schwer fortbewegen können. In der deutschen Bucht überwintern die beiden Seetaucherarten, Sterntaucher (Gavia stellata) und Prachttaucher (Gavia arctica) in bedeutenden Beständen.

Brütender Sterntaucher; Photo: Julius Morkunas

Der Ausbau der Offshore Windenergie schreitet in der deutschen Bucht weiter voran, wodurch die Seetaucher in ihrem Überwinterungsgebiet zunehmend mit Offshore Windparks konfrontiert werden und aufgrund ihrer Empfindlichkeit gegenüber anthropogenen Störungen Konflikte entstehen können. Um die Bewegungsmuster von Seetauchern in ihrem Überwinterungsgebiet und während der Zugphasen dokumentieren und die Auswirkungen von Offshore Windparks auf Seetaucher besser beurteilen zu können, sollen im Rahmen dieser Studie im Laufe von drei Wintern Seetaucher im Seetaucher-Hauptkonzentrationsgebiet der Nordsee gefangen und mit Satellitensendern ausgestattet werden. Anhand der gewonnenen Daten sollen dann Fragestellungen zu Habitatnutzung, Konnektivität verschiedener Rastgebiete, Herkunft der Tiere (Brutgebiete) sowie die Zugrouten beantwortet werden.

Laufzeit: 01.11.2014 bis 30.10.2018

Projektpartner: BioConsult SH GmbH & Co. KG. Husum, Justus Liebig Universität Gießen & DHI Group

Das Projekt wird als Verbundvorhaben gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) vertreten durch den Projektträger Jülich (PTJ).

Förderkennzeichen 0325747 A/B

Der Ausbau der Offshore-Windenergienutzung ist ein wichtiges energiepolitisches Ziel der Bundesregierung. Die Entwicklung der Windenergienutzung soll dabei natur- und umweltfreundlich durchgeführt werden und insbesondere die Ziele des Naturschutzes berücksichtigen. Ein sehr wichtiger Bestandteil der marinen Ökosysteme von Nord- und Ostsee sind dabei überwinternde See- und Wasservögel, die teilweise in international bedeutenden Beständen vorkommen, weshalb für diese eine Reihe von Meeresschutzgebieten ausgewiesen worden sind, um einen guten Erhaltungszustand dieser Arten zu gewährleisten.

Sterntaucher vor Offshore-Windparkanlagen

Sterntaucher vor Offshore-Windkraftanlagen; Photo: Martin Grimm

Mit der Ausweisung von Schutzgebieten können Konflikte jedoch nicht in allen Fällen verhindert werden, da manche Arten in bedeutenden Anzahlen auch außerhalb der Schutzgebiete vorkommen. Dies gilt insbesondere für fischfressende Arten wie Seetaucher, die weniger an bestimmte Wassertiefen oder Bodenstrukturen gebunden sind und weit verbreitet vorkommen können. Innerhalb der Familie der Gaviidae werden fünf Seetaucher-Arten unterschieden: Eistaucher (Gavia immer), Gelbschnabeltaucher (Gavia adamsii), Pazifiktaucher (Gavia pacifica), Prachttaucher (Gavia arctica) und Sterntaucher (Gavia stellata), wobei einzig Pracht- und Sterntaucher in bedeutenden Anzahlen die Küstengewässer von Nord- und Ostsee als Überwinterungsgebiet nutzen. Über die Herkunft dieser Seetaucher ist wenig bekannt, da Wiederfunde von beringten Vögeln äußerst selten sind. Man nimmt an, dass sich die Brutgebiete über ein weites Areal von Russland, der Skandinavischen Halbinsel, Großbritannien, Island bis nach Grönland erstrecken.

Seetaucher nutzen Gebiete mit einem breiten Spektrum an Wassertiefen und kommen in der Nordsee bis zu einer Wassertiefe von 40 m vor (Mendel et al. 2008, Petersen & Nielsen 2011) und nutzen damit auch die für die Offshore-Windenergienutzung interessanten Gebiete. Untersuchungen an bereits bestehenden Windparks deuten darauf hin, dass insbesondere für die beiden Seetaucher-Arten, Sterntaucher und Prachttaucher ein Konfliktpotenzial mit dem Ausbau der Offshore-Windenergienutzung besteht, da diese Arten sehr empfindlich auf anthropogene Störungen reagieren und eine deutliche Meidereaktion auf Windparks zeigen (u.a. Petersen et al. 2006, Dewar 2011, Schwemmer et al. 2011, Petersen et al. 2014, s.a. Dierschke et al. 2012). Seetaucher kommen in den Offshore-Bereichen der deutschen Nordsee insbesondere im Frühjahr in international bedeutenden Anzahlen vor und es ist wahrscheinlich, dass kumulative Auswirkungen zunehmend eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Offshore-Windenergie spielen werden.

Sterntaucher im Flug; Photo: Jürgen Steudtner

Sterntaucher im Flug; Photo: Jürgen Steudtner

Innerhalb ihres Überwinterungsgebietes sind Seetaucher sehr mobil und können bei Austauschbewegungen zwischen verschiedenen Gebieten von mehreren verschiedenen Windpark-Projekten betroffen sein (Mendel et al. 2008, Leopold et al. 2011). Um die Wechselwirkungen zwischen Seetauchern und Offshore-Windparks bewerten zu können, sind Informationen über folgende Punkte notwendig:

  • Habitatnutzung im Überwinterungsgebiet, insbesondere hinsichtlich der Größe der individuellen Aufenthaltsgebiete und der Verweildauer der Vögel in einem Gebiet,
  • Konnektivität zwischen verschiedenen Rasthabitaten,
  • Herkunft der Tiere (Brutgebiete), welche Teilpopulationen sind betroffen.

Strategische Untersuchungen an Seetauchern sind notwendig, um Wissenslücken zu schließen und um Auswirkungsprognosen und Entscheidungsprozesse in Bezug auf aktuelle und zukünftige Offshore-Windpark-Planungen in bedeutenden Seetaucher-Aufenthaltsgebieten zu erleichtern. Daher sollen innerhalb des Vorhabens DIVER Seetaucher mittels Satellitentelemetrie untersucht werden, die bis heute einzig durchführbare Methode, um die oben aufgezeigten offenen Fragen zu diesen Arten beantworten zu können.

Im Laufe von drei Jahren sollen 45 Seetaucher direkt in ihrem Überwinterungsgebiet auf der Nordsee gefangen und besendert werden, um Daten zu deren Bewegungen und Habitatnutzung im Überwinterungsgebiet zu sammeln. Es wird erwartet, dass von den besenderten Tieren Daten über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr gesammelt werden. Argos Satellitensender erlauben Positionsbestimmungen mit einer Genauigkeit von wenigen hundert Metern, so dass sich die Daten mit Hinblick auf die Fragestellungen zu Bewegungsmustern und Habitatnutzung der Seetaucher auswerten lassen. Zusätzlich werden von den gefangenen Vögeln für Nahrungsanalysen und Geschlechtsbestimmung Kodproben genommen.Vergleichbare Untersuchungen von pelagisch lebenden Tauchvögeln liegen aus Europa bisher kaum vor. Die Ergebnisse des Vorhabens DIVER werden daher auch von grundlegendem Interesse in Bezug auf die Ökologie von Seetauchern sein und sollen dazu beitragen, Schutzkonzepte für diese Arten zu verbessern.

Literaturverzeichnis

Als Verbundvorhaben zwischen BioConsult SH, der Justus Liebig Universität Gießen und dem DHI verfolgt das Vorhaben DIVER als übergeordnetes Projektziel, die vorhandenen größeren Wissenslücken zur Ökologie von Seetauchern zu schließen, um die Einschätzung von potenziellen Bedrohungen und die Entwicklung von geeigneten Maßnahmen zum Schutz der Seetaucher-Arten zu verbessern. Im Hinblick auf Offshore Windparks soll dazu die räumliche und zeitliche Dynamik der Habitatnutzung von Seetauchern untersucht werden. Damit soll eine entscheidende Grundlage dafür geschaffen werden, Habitatverluste durch die Errichtung von Windparks in Relation zu den Habitatansprüchen von Seetauchern setzen zu können und so Habitatverluste für Seetaucher bewerten zu können.

Im Einzelnen sollen folgende Fragestellungen beantwortet werden:

  • Wenig ist bekannt über die Habitatnutzung von Seetauchern und Austauschbewegungen zwischen verschiedenen Rast- und Überwinterungsgebieten. Es ist anzunehmen, dass die Vögel je nach Verlauf der Gezeitenströmungen, in Abhängigkeit von anderen hydrographischen Veränderungen oder wetterbedingt unterschiedliche Habitate bevorzugen.
  • Sehr wenig ist bekannt über Zugmuster und allgemeine zeitliche Charakteristik von Zug- bzw. lokalen Flugbewegungen von Stern- und Prachttauchern im Jahresverlauf. Seetaucher-Zahlen schwanken erheblich in den verschiedenen Überwinterungsgebieten und starker Seetaucher-Zug wird regelmäßig an den Küsten von Nord- und Ostsee beobachtet. Dies deutet auf eine sehr hohe Mobilität der Art in ihrem Überwinterungsgebiet hin. Die Unkenntnis über das Zugverhalten und lokale Bewegungsmuster der Art in ihrem Überwinterungsgebiet macht es bislang unmöglich, kumulative Auswirkungen der Offshore-Entwicklungen, Fischerei und anderen Störungsquellen verstehen und bewerten zu können.
  • Das Ausmaß der Standorttreue zu Überwinterungs- und Rastgebieten ist unbekannt, da bisher keine telemetrischen Untersuchungen über einen längeren Zeitraum hinweg durchgeführt worden sind. Ob Seetaucher sehr standorttreu sind und jedes Jahr zu denselben Orten zurückkehren oder ob sie in der Wahl ihres Überwinterungsgebietes flexibel sind und von Jahr zu Jahr geographisch verschiedene Gebiete aufsuchen, hat sehr bedeutende Auswirkung auf die Bewertung von möglichen Populationseffekten. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass Seetaucher – wie viele andere Arten auch – eine grundsätzliche Ortstreue zu den Überwinterungsgebieten zeigen, so dass bei einer Besenderung von Vögeln in einem Gebiet auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie im Folgejahr wiederkehren.
  • Die Herkunft der in der deutschen Bucht überwinternden Seetaucher ist nicht bekannt. Außerhalb der Brutzeit kommen Seetaucher in einem großen Verbreitungsgebiet entlang den Küsten und in den flachen Offshore-Gebieten von Nord- und Ostsee und des Nordatlantiks vor. Die Verbreitung der Brutpopulationen erstreckt sich über ein weites Areal von Russland, der Skandinavischen Halbinsel, Großbritannien, über Island bis nach Grönland. Wiederfunde von beringten Vögeln sind äußerst selten, daher ist nicht bekannt, welche Brutpopulationen in verschiedenen Überwinterungs- und Rastgebieten betroffen sind.